Wieso NEIN sagen Sie weiterbringt

13.04.2018

 

 

 

Manche haben es irgendwie in den Genen - das JA-MACH-ICH-SYNDROM.

 

Im Grundsatz wollen Sie für alle anderen da sein, es ihnen recht machen und ihnen zu Diensten sein. Sie und Ihre eigenen Bedürfnisse bleiben dabei leider öfters mal auf der Strecke.

 

Bei Freunden und Bekannten helfen Sie, wo Sie können, hören geduldig zu und sind wahrscheinlich auch noch ehrenamtlich engagiert. Auch im Berufsalltag können Sie schwer NEIN zu einer Aufgabe oder einem Auftrag sagen. Alle denken von Ihnen, dass Sie alles im Griff haben. Sie selber schaffen dabei alles ohne Unterstützung - Wow, Sie sind Super Woman resp. Super Man!

 

 

Wie geht es Ihnen dabei - eine kleine Innenschau

 

Ja sicher, es fühlt sich einerseits wahnsinnig gut an, wenn man gebraucht wird. Allen Anderen helfen, gibt Ihnen auch ein Gefühl der Stärke, der Sicherheit und der Ruhe. Sie haben zu jedem Zeitpunkt alles im Griff und nehmen sich für jeden immer Zeit. Andererseits möchten Sie, dass alle sich wohl fühlen, dass Harmonie herrscht. Eine wahnsinnig grosse Erwartungshaltung an sich selber! Doch gibt es da tief in Ihnen drin nicht eine leise Stimme, die beinahe am Verzweifeln ist, die in die Ecke geschoben wurde, die lange Zeit ungehört blieb? Es ist vielleicht die Stimme der Verletzlichen, des Sensiblen. Denn seien wir ehrlich, Super Woman/Super Man gibt es nur im Film! Niemand kann immer nur stark sein! Niemand kann immer nur für andere da sein! Niemand kann alles alleine schaffen!

 

 

Hören Sie auf, sich selber zu untergraben!  

 

Gerade Frauen meiner Generation erlebe ich oft, dass sie den Hang zum Perfektionismus haben. Ich nehme mich da nicht aus! Da gehört es dazu, eben alles im Griff zu haben. Doch auch das Männerbild hat sich sehr gewandelt. Es reicht nicht mehr, ausschliesslich der Ernährer zu sein. Heute wird aktive Mitarbeit bei Familie und Haushalt erwartet. Und auch hier soll es möglichst perfekt sein - auf Hochglanz poliert! Wir setzen uns selber unter Druck all unsere Rollen in Extremis auszufüllen. Ein Beispiel: Wer kennt es nicht, den Stress unter den Müttern, die beste, tollste, aufregendste, aufwändigste, nachhaltigste Geburtstagspartie für das eigene Kind zu schmeissen? Wir übertrumpfen uns gegenseitig, noch ausgefallenere Mottos umzusetzen, noch feinere - und dabei äusserst gesunde - Knabbereien anzubieten, noch attraktivere Dankeschön-Give-Aways mitzugeben etc. etc. Aber mal ehrlich, sind die Kinder dadurch glücklicher oder anders gefragt, wissen sie es überhaupt zu schätzen? Auch hier steigt mit jedem Mal die Erwartungshaltung - und was machen wir? Wir googeln noch etwas intensiver, nehmen uns noch mehr Zeit und so weiter…im Hamsterrad gefangen! Und genauso geht es im Berufsalltag weiter...

 

 

Gut reicht völlig!

 

Das ist doch mal eine Ansage! Nicht alles, was Sie tun, muss perfekt sein! Sie dürfen auch mal zulassen, dass nicht alles 1a erledigt ist. Der Haushalt wird nicht gleich zum Saustall, wenn nur noch alle zwei Wochen geputzt ist. Die Welt dreht sich munter weiter, auch wenn noch nicht alle Mails beantwortet sind (innerhalb 24 h reicht auch). Sie dürfen auch einfach zum Spass und "nur" 30 Minuten joggen gehen und müssen sich nicht gleich auf einen Marathon vorbereiten. 

Machen Sie es sich selber nicht so schwer und lassen Sie es zu, einfach „nur“ gut zu sein! Was für eine Erleichterung - probieren Sie es unbedingt aus! Und wenn Sie dies mal für sich verinnerlicht haben, dann kommen wir wieder zurück zum eigentlichen Thema:

 

Wieso Sie lernen müssen, NEIN zu sagen! Gerade wenn Sie einen beruflichen Wiedereinstieg planen oder neu in eine Führungsposition kommen, sollten Sie haushälterisch mit Ihren eigenen Ressourcen umgehen. Wenn Sie nämlich hier nochmals ein Feld aufbauen, wo Sie perfekt sein müssen, dann kann dies auch negative Auswirkungen auf Ihre Gesundheit haben. Wenn der Topf voll ist, ist er voll! Und meistens bleiben ja noch genügend Aufgaben Ihrer anderen Rollen da. Es ist also unumgänglich, eine gute Balance zwischen Ihren aktuell wichtigen Lebensbereichen zu finden.

 

 

Life-Balance finden

 

Viele reden von Work-Life-Balance. Meiner Meinung nach, geht es jedoch um eine Life-Balance. Die Arbeit ist dabei eines von mehreren Bereichen, die wichtig sind. Welcher Bereich, bei Ihnen gerade Priorität hat, das ist sehr individuell und ändert sich auch immer wieder. Das ist auch gut so. Denn nichts ist so konstant, wie die stete Veränderung!

 

Für Sie bedeutet es, dass Sie sich mal darüber Gedanken machen sollten, wo Ihre Prioritäten aktuell sind, und wo Sie sie gerne haben möchten. Meistens sind klare Differenzen zwischen dem IST und dem SOLL auszumachen.Wenn Sie jetzt also Ihren beruflichen Aufstieg oder Wiedereinstieg planen, können Sie nicht so weiter machen wie bisher. Sie werden irgendwo, bei irgend einem Lebensbereich Abstriche machen müssen. Erinnern Sie sich, haushälterisch mit Ihren begrenzten Ressourcen (va. auch zeitlich) umzugehen.

Wenn Sie nicht lernen, klar und deutlich NEIN zu sagen, werden Sie es schwer haben, beruflich erfolgreich unterwegs zu sein. Gerade in einer neuen Position sollte Ihr berufliches Umfeld wissen, mit wem sie es zu tun haben.

 

Und wenn Sie Ihr JA, MACH ICH Syndrom hier weiterziehen, dann wird es Sie ausbrennen, Ihre Energie absaugen und vor allem wird es zur Belastung, anstelle einer neuen schönen Herausforderung.

 

NEIN sagen, hilft Ihnen,

  • Ihren eigenen Bedürfnissen mehr Raum zu geben. Sie haben ja selber klar definierte Arbeit zu leisten.

  • Sich als nicht ständig verfügbare „Ressource“ wertvoll zu machen.

  • Sich selber darüber klar zu werden, was Ihnen wirklich wichtig ist.

  • Ihrem Ego ein guttuendes Schulterklopfen zu gönnen. Es tut sooo gut, einfach mal egoistisch zu sein!

  • Ihren Selbst- und Fremdwert sprunghaft zu steigern. Sie werden viel ernster genommen, da Ihre Hilfe nicht einfach selbstverständlich ist.

  • Sich selber mehr zu mögen, weil Sie die Courage gezeigt haben, für sich und Ihre Anliegen einzustehen.

Brauchen Sie weitere Argumente, einfach mal NEIN anstelle JA, MACH ICH zu sagen? Doch wie schaffen Sie es, NEIN zu sagen, wenn Sie bisher der JA, MACH ICH Typ warst?

 

Wer nicht Nein sagen kann, der wird sein Ja oft nicht halten können. (Lebensweisheit)

 

Vielleicht macht es Ihnen Angst, jemanden zu enttäuschen oder zu verletzen, wenn Sie NEIN sagen? Es wird auch sicherlich nicht einfach werden. Es wird Sie die Macht der Gewohnheit einholen. Sie werden konfrontiert von Ungläubigkeit, Unverständnis und sogar Ablehnung. Doch wie stellen Sie es an, NEIN zu sagen? Betrachten Sie es aus einem anderen Sichtwinkel Ein NEIN zu jemanden ist auch ein JA zu Ihnen selber. Schauen Sie mal genau hin und entdecken Sie, was Sie alles nun für sich selber erledigen können. Stellen Sie sich vor, was das Schlimmste ist, das Ihnen jemand entgegnen könnte. „Ich bin enttäuscht von dir!“ Oder „Bisher war es doch auch nie ein Problem!“ oder „Dir helf ich auch wieder mal!“ - Und jetzt werden Sie sich natürlich schlecht fühlen und sind von Schuldgefühlen überwältigt. Irgendwie hätten Sie es ja doch hingekriegt, oder?Doch dann machen Sie innerlich einen Schritt zurück und entdecken Sie, woher das Schuldgefühl kommt. Geht es vielleicht darum, dass Sie gerne allen gefallen möchten oder Konflikten aus dem Weg gehen? Da ist es also wieder, das selbstlose Wesen, dass schaut, dass es allen anderen gut geht. Und hier gibt es klare Strategien, wie Sie sich sozusagen selber überlisten.

 

Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: SIE KÖNNEN ES NIE ALLEN RECHT MACHEN!

 

Doch die Erwartungen steigen bei jedem Mal, wenn Sie wieder etwas tun, was Sie eigentlich gar nicht hätten tun müssen.

 

 

Kommunizieren Sie klar - aber wertschätzend

 

„C’est le ton qui fait la musique“ oder anders gesagt: Wie Sie etwas ablehnen, beeinflusst die Akzeptanz beim Gegenüber enorm. Hier ein paar Beispiele aus der gewaltfreien Kommunikation, wie Sie klar aber wertschätzend NEIN sagen können.

  1. Stimmen Sie Ihrem Gegenüber zu, was für Sie richtig ist. „Ich sehe ein, dass diese Sache wichtig für dich ist und erachte es auch als sinnvoll, dass diese Arbeit gemacht wird.“

  2. Sagen Sie klipp und klar, dass Sie nicht wollen. „Aber ich möchte es nicht tun, es wird mir sonst zu viel.“

  3. Was passiert nun, wenn ein NEIN nicht angenommen wird? Dann stimmen Sie nochmals zu und sagen nochmals NEIN. Immer wieder, bleiben Sie bei Ihrer Haltung. Ich verspreche Ihnen, wenn Sie so vorgehen, werden Sie zum Ziel kommen - dass Ihr NEIN gilt, und Sie werden sich richtig gut dabei fühlen. Denn Sie haben niemanden verletzt, Sie haben nur ausgedrückt, was Sie selber empfinden. Und hier kann sich niemand anderes angegriffen fühlen.

 

Fritz Perls, Begründer der Gestalttherapie drückt es wunderbar aus: Ich bin ich und du bist du. Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie du mich haben willst - und du bist nicht auf der Welt, um so zu sein, wie ich dich haben will.

 

Wieso ist das NEIN sagen also zusammenfassend so wichtig resp. wird es oft mehr geschätzt, als das JA sagen?

  1. Sie zeigen, dass Sie Sorge zu sich selber tragen.

  2. Sie zeigen, dass Sie Prioritäten setzen können.

  3. Sie zeigen, dass Sie sich auf das Wesentliche fokussieren können.

  4. Sie zeigen, dass Sie selbstbewusst und mutig sind.

  5. Sie gewinnen an Profil.

  6. Sie bestimmen selber über Ihre Ressourcen.

  7. Sie setzen klare Grenzen - für sich und Ihre Umwelt.

  8. Sie gewinnen Zeit für sich.

Es würde noch viele weitere Argumente geben, die für das NEIN sagen sprechen. Es sind auch nicht alle gleich wichtig - auch das ist sehr individuell. Für Sie selber soll das NEIN sagen eine Chance sein, näher an Ihre eigenen Bedürfnisse zu kommen, diesen bewusst mehr Raum zu geben. Wenn Sie mehr davon machen, was Sie gerne tun, dann werden Sie einerseits viel zufriedener und andererseits authentischer. Ihr Umfeld weiss, was es von Ihnen erwarten kann und was nicht. Dies ist eine sehr wichtige Voraussetzung für Menschen in der Öffentlichkeit oder der Führung.

 

Lassen Sie mich noch eine wichtige Anmerkung zum Schluss machen: Ein NEIN zu etwas ist immer auch eine bewusste Entscheidung - ein JA - zu etwas Anderem. Nehmen Sie diesen Gedanken mit und überlege Sie immer, wenn Sie zu etwas NEIN sagen, zu was Sie gleichzeitig JA gesagt haben. (Z.B. Wenn Sie Nein zum gemeinsamen Abendessen mit jemanden gesagt haben, haben Sie Ja zu einem Abend für sich gesagt.) Also dann nichts wie los und üben, NEIN zu sagen. Lassen Sie sich auch nicht von Rückschlägen beirren. Und natürlich dürfen Sie auch in Zukunft hilfsbereit und unterstützend sein. Das sollen Sie sogar. Ich möchte Sie nur ermutigen, lernen NEIN zu sagen, wenn Sie im Begriff sind, Ja zu sagen aus den falschen Motiven. Ein JA aus vollem Herzen ist wunderbar und wertvoll. Doch wenn es NEIN im tiefsten Inneren in Ihnen schreit, dann hören Sie darauf und lassen es zu.

 

Herzliche Grüsse

 

 

 

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Isabelle Menzi

Coaching & Training

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